Monolog am Bett meiner Mutter


(Die Nacht vom Sonntag zum Montag durfte ich am Bett meiner Mutter zubringen. Wir haben Zwiegespräch gehalten. Ich habe meine Gedanken aufgeschrieben, in der Hoffnung, sie würden sie irgendwie erreichen. Am Montagnachmittag ist meine Mutter von uns gegangen. Vielleicht hat sie ja Internet, da, wo sie jetzt ist, und kann diesen Text lesen, diese Worte, die ich ihr immer sagen wollte. Manche habe ich ihr nie gesagt oder vielleicht zu selten.)

Liebe Mutti,

jetzt sitze ich hier neben Dir und habe mit dem Kopf verstanden, dass es wohl Dein letzter Gang ist, bei dem ich Dich hier ein Stück weit begleiten kann.

Und ich würde Dir gern mehr helfen, wünschte auch, wir hätten uns in den letzten Tagen gesprochen, telefoniert. Warum habe ich Dich nicht zum Arzt geschickt, als Du vor einigen Wochen sagtest, dass Du starke Bauchschmerzen hast?

Aber ”hätte” und ”würde” und ”wünschte” helfen uns auch nicht weiter. Es ist, wie es ist. Und wir müssen es akzeptieren.

Das einzige, was ich bedauere ist, dass wir Dir nicht schon früher Bilder geschickt haben. Aber Du hast uns ja gesehen, ab und zu, zuletzt im August – wo Du uns die wunderbare Zeit im Hundertwasserhaus geschenkt hast. Da wirktest Du noch putzmunter. Aber traut man den Worten der Ärzte, so hätte ein Arztbesuch damals wohl auch schon nichts mehr gebracht. Nichts mehr, als vielleicht mehrere Wochen im Krankenhaus. Und das wolltest Du nicht. Du bist nicht die, die Krankenhäuser liebt. Du hast geahnt, wie es um Dich steht, kein Gerede darum gemacht, hast die Schmerzen still ertragen, um uns vor Schmerz zu bewahren.

Du bist die größte, die großartigste und großzügigste Frau, der großartigste und großzügigste Mensch unter der Sonne.

Ты прожила свой век. Du hast Dein Jahrhundert gelebt, 80 Jahre, fast ein ganzes im Wortsinne. Du hast vieles getan und meist das Richtige. Du hast uns Viererbande groß gezogen und damit den Grundstein für die vielköpfige Großfamlie gelegt, die jetzt in ganz Deutschland und in Schweden lebt und spätestens seit Freitag um Dich bangt.

Wenn ich Dir bloß helfen könnte… Hab keine Angst vor der neuen Welt, die Du betrittst. In der alten passen wir auf Vati, aufeinander und auf die Kids auf. Das verspreche ich Dir.

Und nun quäl Dich nicht länger. Mach Deinen Frieden mit dieser Welt. Wir sehen uns dann drüben.

Wenn ich so bei Dir sitze, habe ich manchmal das Gefühl, du weinst, so, als würdest Du genau wissen, wohin die Reise geht – weg von uns. Und ich glaube, Du weißt es auch.

Einmal hast Du gelächelt. Wer weiß, woran Du Dich gerade erinnert hast.

Und dann war da der Moment, wo ich ”Баюшки баю” gesungen habe. Da hast Du mich mit ganz großen Augen angesehen. Und ich glaube, Du weißt, dass ich da bei Dir am Bett saß. Vielleicht hattest Du Dich gewundert oder warst erschrocken, was ich in der anderen Welt suchte, in der Du Dich vielleicht schon wähntest. Ich weiß es nicht…

Dann gab es den Moment, wo Du den rechten Arm angehoben hast, so, als würdest Du mich einladen, in Deinen Arm, in Deine Umarmung zu krabbeln. Das habe ich dann auch gemacht. Du wurdest gleich ruhiger.

Du bist Deinem Enkel Yoram ganz und gar nicht unähnlich. Ihm musste ich auch immer die Hände halten beim Einschlafen, genau so, wie ich das mit Dir gemacht habe. Er ist auch so ein unglaublich starker Charakter mit einem butterweichen Herzen.

Und dann immer wieder die Frage: Wie kann ich helfen? Was kann ich tun, um Deine Qualen zu lindern? Zu beenden.

Nichts. Einfach nur da sein. Das ist alles, nicht mehr. Da sein, reden, Hände halten, Dich küssen, ab und zu Deinen Mund befeuchten.

Es ist jetzt drei Uhr in der Nacht, am Montagmorgen. Du wirst wieder unruhig. Was ist los? Wovon träumst Du? Ist das schon der Moment, wo das Leben Revue passiert?

Im Moment bin ich ganz gefasst, aber ich weiß, dass sich die Schleusen meiner Augen irgendwann ganz plötzlich öffnen werden.

(Gegen sechs Uhr morgens musste ich gehen. Zu stark war die Müdigkeit, überwältigend der Schmerz. Nach einem Kuss auf die Wange sagte ich im Rausgehen Auf Wiedersehen. Und tatsächlich gab es ein Wiedersehen, am Montagmittag und -nachmittag. Gegen zwei gab ich Dir einen letzten Kuss, wünschte uns ein letztes Auf Wiedersehen.)

Seither sind einige Tage vergangen. Nur wenige Stunden, nachdem ich das hier an Deinem Bett aufgeschrieben hatte, bist Du den Weg gegangen, auf dem wir Dir alle irgendwann folgen werden. Dein Mann, mein Vater, meine Schwester und seine Schwester waren bei Dir, als Du sanft eingeschlafen bist.

Aber Du wirst leben. Du wirst bei uns sein und leben, solange wir leben. Wir werden Dich ständig vor Augen haben, in unserer Erinnerung, aber auch in uns selbst und in unseren Kindern. In Jacob, der unendlich neugierig und wissbegierig ist und genau wie Du stundenlange Vorträge halten kann. In Yoram, dem alten Kuschelbär, der sich immer anschmiegt, wie eine Katze, immer Wärme suchend. So bist auch Du. In Noah, dem klugen, eigenwilligen Sturkopf. Das hat er von Deinem Vater geerbt, glaube ich. Aber auch Du bist eigensinnig und stur, wenn Du ein Ziel verfolgst – und konntest Dank dessen Dein Leben fast so vollenden, wie Du es wolltest. Und Hannah, das kleine Mädchen, das so schön ist wie Du, die Deine großen schönen Augen hat, auch wenn ihre nicht braun sind, die Deinen offenen Blick hat, suchend ist und findend, genau wie Du.

Auch die großen Mädchen haben Dich in sich aufgenommen und sind unendlich glücklich, dass sie ein Teil Deiner Familie sein durften. Und sie sind – wie alle hier auf Erden, alle, die Dich kennen und lieben – unendlich traurig bei dem Gedanken daran, dass Du jetzt da bist, wo wir Dich nicht hören, nicht sehen, Dich nicht berühren und nicht küssen können.

Möges es Dir dort gut ergehen. Wir lieben Dich. Ich liebe Dich.

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